Über die Wechseljahre wird noch immer zu wenig gesprochen – aus Scham, aus Unwissen und aus Angst vor einzunehmenden Hormonen. Dabei genießen Apothekenteams ein Vertrauen, das dem der Ärzteschaft kaum nachsteht. Wer es nutzt, nimmt Frauen ihre Sorgen, öffnet das Gespräch am HV-Tisch und macht die Apotheke als Anlaufstelle für Frauengesundheit sichtbar.
Im Gesundheitsmonitor von Pharma Deutschland, einer repräsentativen Online-Umfrage vom Mai 2024, gaben 93 Prozent der Befragten an, Ärztinnen und Ärzten zu vertrauen. Beim Apothekenpersonal waren es 92 Prozent. Die Apotheke steht damit fast gleichauf mit der Praxis und ist zugleich ohne Termin erreichbar. Bei einem Thema, das viele Frauen lange mit sich allein ausmachen, ist das ein großer Vorteil. Denn die Hürden sind hoch: Intimbeschwerden sind schambesetzt, „Wechseljahre“ klingt für viele nach Älterwerden, und Schlafstörungen oder Gelenkschmerzen werden oft gar nicht mit den Hormonen verbunden. Nur ein kleiner Teil der Frauen spricht solche Beschwerden von sich aus an. Aufklärung beginnt deshalb häufig mit einer freundlichen Frage aus dem Apothekenteam.
Die größte Sorge gilt dem Brustkrebs. Sie geht auf die Women’s-Health-Initiative-Studie (WHI) zurück, die 2002 über ein erhöhtes Brustkrebsrisiko unter Hormontherapie berichtete. Schlagzeilen wie „Krebsgefahr durch Hormone“ folgten, weltweit gingen die Verordnungen zurück.
Weniger bekannt ist die Einordnung: Die Teilnehmerinnen waren im Schnitt 63 Jahre alt und erhielten konjugierte equine Estrogene mit einem synthetischen Gestagen als Tablette. Zwei Drittel waren 60 Jahre oder älter und damit jenseits des Zeitfensters, in dem eine Hormontherapie heute möglichst begonnen wird. Jede dritte war adipös, mehr als jede dritte hatte Bluthochdruck, jede zehnte rauchte, einzelne hatten bereits einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Thrombose hinter sich. Eingeschlossen waren also viele Frauen, für die eine Hormontherapie nach heutigem Maßstab nicht oder nur eingeschränkt infrage käme. Daten älterer Frauen überwiegend ohne Hitzewallungen wurden auf Frauen im Menopausealter von rund 51 Jahren übertragen. Die Autoren haben diese Fehlinterpretation später selbst bedauert. Für Frauen zwischen 50 und 59 Jahren fällt das Nutzen-Risiko-Verhältnis einer menopausalen Hormontherapie (MHT) besser aus. Heute stehen zudem Estradiol über die Haut und mikronisiertes Progesteron oder Dydrogesteron zur Verfügung. Diese beiden Gestagene erscheinen laut S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“, die derzeit aktualisiert wird, mit Blick auf das Brustkrebsrisiko günstiger als synthetische.
Im Gespräch helfen absolute Zahlen. Von 1000 Frauen zwischen 50 und 59 Jahren erkranken in den nächsten fünf Jahren etwa 23 an Brustkrebs. Unter einer kombinierten MHT aus Estrogen und Gestagen kommen etwa vier hinzu. Zum Vergleich: Regelmäßiger Alkoholkonsum bedeutet fünf zusätzliche Fälle, Rauchen drei, starkes Übergewicht mit einem BMI über 30 sogar 24. Wer sich mindestens zweieinhalb Stunden pro Woche moderat bewegt, senkt die Zahl um sieben. Eine MHT zählt demnach nicht zu den Hauptrisikofaktoren.
PTA und Apothekerinnen können diese Einordnung sachlich weitergeben, ohne das Risiko kleinzureden: Eine MHT kann das Brustkrebsrisiko gering erhöhen, Übergewicht, Alkohol und Bewegungsmangel fallen aber mindestens ebenso ins Gewicht und lassen sich selbst beeinflussen. Ein Satz wie „Die Therapie hat sich stark verändert – gern erkläre ich Ihnen, was man heute weiß“ nimmt vielen Frauen die erste Angst.
Vaginale Trockenheit oder Stimmungsschwankungen bringt kaum eine Kundin offen zur Sprache. Der Anlass liegt aber oft schon auf dem HV-Tisch: das Gleitgel, das Antibiotikum zum wiederholten Mal, das Baldrianpräparat.
Bewährt hat sich eine kurze Einordnung, wenn die Beschwerden zum Lebensabschnitt der Kundin passen: „Das kann mit der hormonellen Umstellung zusammenhängen.“ Der Zusatz „Viele Frauen erleben das in dieser Lebensphase“ nimmt dem Thema die Scham. Daran lässt sich anknüpfen: „Manche Frauen merken in dieser Phase auch Trockenheit oder Brennen im Intimbereich. Kennen Sie das?“ Für die Stimmung eignet sich: „Viele Frauen erzählen mir, dass sich gerade einiges verändert – beim Schlaf, bei der Stimmung. Wie ist das bei Ihnen?“ So fühlt sich die Kundin verstanden und kann selbst entscheiden, wie viel sie erzählt.
Zur Diskretion gehört auch der Rahmen: leise sprechen, eine ruhige Ecke oder den Beratungsraum anbieten, bei Bedarf einen Termin vereinbaren. Ein ermutigender Hinweis für das Gespräch: Scheidentrockenheit bessert sich nicht von selbst, lässt sich aber gut behandeln.
Vertrauen entfaltet seine Wirkung, wenn Frauen wissen, dass sie das Thema in der Apotheke ansprechen können. Ein Aufsteller „Wir beraten Sie zu den Wechseljahren“, feste Beratungstermine und Material zum Mitnehmen wie der MRS-II-Bogen, der Beschwerden und ihre Stärke übersichtlich erfasst, und Broschüren senden dieses Signal. Ebenso wichtig ist ein geschultes Team, das Symptome erkennt, richtig einordnen kann, die Türöffner kennt und dieselben Zahlen nennt. So wird die Apotheke zum Kompetenzzentrum für Frauengesundheit vor Ort, und die Wechseljahre werden zu einem selbstverständlichen Beratungsthema.
Im interprofessionellen Austausch ergänzen sich gynäkologische Praxis und Apotheke gezielt. Die Apotheke nimmt die erste Angst, ordnet Risiken ein und ermutigt zum Arzttermin. Die Praxis erfasst das persönliche Risikoprofil und entscheidet gemeinsam mit der Frau über die Therapie. Kommen nach dem Blick in den Beipackzettel neue Zweifel auf, ist die Apotheke wieder erste Anlaufstelle und stärkt die Therapietreue. Stimmen Praxis und Apotheke ihre Aussagen zum Brustkrebsrisiko ab, hören Frauen an beiden Orten dasselbe. Der Mehrwert für die Patientinnen: Sie gehen informiert und ohne Scheu ins Arztgespräch und werden durchgehend begleitet und beraten.
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